Interview

Interview mit Daniel Pfeifer, Leiter Elektrotechnik Doppelmayr Seilbahnen GmbH

Die Doppelmayr Seilbahnen GmbH ist Markt- und Technologieführer im Seilbahnbau und kann auf rund 15.000 realisierte Seilbahnsysteme in 92 Ländern verweisen. Welche Relevanz hat für Ihr Unternehmen die Industrie 4.0?

Wenn man unser Produkt Seilbahn und die dazugehörigen Dienstleistungen heute betrachtet, so findet man kaum oder höchstens in Ansätzen die Ideen, die hinter Industrie 4.0 stehen. Das liegt daran, dass in den letzten Jahrzehnten die Erhöhung der Sicherheit im Mittelpunkt stand, sodass die Seilbahn heute eines der sichersten Transportsysteme der Welt ist. Die zweite große Stoßrichtung in der Entwicklung war und ist die Erhöhung des Fahrkomforts und die Reduktion von Schallemissionen. Auch die Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit und der Förderleistung war ein Entwicklungsschwerpunkt. So wurde die Seilbahn attraktiv für urbane, also innerstädtische Anwendungen. Wenn man heute mit einer modernen Seilbahn fährt, kann man all diese Entwicklungsschwerpunkte im Produkt erleben.
Ideen, die hinter Industrie 4.0 stehen, sind aus meiner Sicht eher zukünftige Evolutionsschritte als eine große (industrielle) Revolution. Damit meine ich beispielsweise, dass die konsequente Digitalisierung von Prozessen, welche im Lebenszyklus einer Seilbahn durchlaufen werden, ein weiterer Optimierungsschritt zur Reduktion des Ressourceneinsatzes ist aber keine grundlegende Veränderung darstellt. Disruptive Innovationen, welche das Transportmittel Seilbahn obsolet machen, sind aus heutiger Sicht nicht absehbar. Trotzdem ist der „Digitalisierungsgedanke“ von Industrie 4.0 für uns interessant und auch von Relevanz.

Wo Chancen sind, gibt es auch Risiken. Wie beurteilen Sie Chancen und Risiken mit Blick auf die Industrie 4.0?

Leider erschließen sich die Chancen nicht so einfach wie die Risiken. Hinsichtlich der Chancen muss man genau hinschauen, wo sich Produktivitätsverbesserungen, effektiverer Einsatz von Ressourcen und Kostenreduktionen absehbar realisieren lassen. Hier sehe ich wieder die konsequente und teilweise radikale Digitalisierung ganzer Prozesse als größten Hebel. Dabei müssen wir als Maschinenbauunternehmen lernen, dass Speichergröße, Prozessorleistung und Konnektivität eine Dimension erreicht haben, die ungeahnte Möglichkeiten eröffnen und damit eine andere Denkweise erfordern. Bezüglich der Risiken tun wir uns in der Einschätzung leichter, wir sind es gewohnt in möglichen Ausfällen und resultierenden Auswirkungen zu denken. Hier sehe ich primär das Thema a) Cyber-Security und Datenschutz, b) rechtliche Aspekte und Pflichten hinsichtlich Datenspeicherung sowie c) die Gefahr der Digitalisierung zum Selbstzweck anstatt zur Generierung von Wertschöpfung. Zur Cyber-Security gibt es eine steigende Sensibilisierung bei Technologie-Lieferanten und viele haben erkannt, dass der ungewollte Zugriff die Achillesferse von Industrie 4.0 ist. Rechtliche Aspekte sind aus meiner Sicht nachwievor schwer greifbar aber wichtig. Damit Digitalisierung bei uns nicht zum Selbstzweck wird, versuchen wir jede Idee kritisch zu hinterfragen, nicht um sie im Keim zu ersticken, sondern um sie auf den Prüfstand zu stellen.

Können Sie dies mit einem konkreten Beispiel aus dem Seilbahnbau verdeutlichen?

Eine Seilbahn ist ein wartungsintensives Produkt. Es liegt also nahe den kompletten Prozess der Wartung und Instandhaltung zu durchleuchten und zu bewerten, inwiefern eine durchgängige Digitalisierung sinnvoll ist. Damit ist gemeint, dass die Planung der Tätigkeiten, die Ausführung sowie die Dokumentation mittels digitalen Helfern unterstützt werden, um schlussendlich den Einsatz von Zeit, Material und Personal zu optimieren. Das klingt vielleicht trivial und es gibt Branchen in denen solche Ansätze heute schon erfolgreich eingesetzt werden, trotzdem ist das für uns kein triviales Thema, da es zahlreiche Aspekte zu berücksichtigen gilt, welche sich erst erschließen, wenn man sich im Thema vertieft. Um das zu konkretisieren, muss man sich die Herausforderung vorstellen, welche entsteht, wenn man in diesem Prozess Seilbahnen aller Baujahre und Generationen abdecken möchte. Dadurch, dass Seilbahnen 30-40 Jahre im Einsatz sind, wird die Lösung sehr spannend.

Wie gehen Sie vor, um Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen?

Ich würde nicht behaupten, dass wir Chancen und Risiken direkt gegeneinander abwägen. Wir kümmern uns in erster Linie darum herauszufinden, ob die Chance groß genug ist, um zu investieren. Wenn das der Fall ist, schauen wir uns die damit verbundenen Risiken an. Handelt es sich um Risiken wie oben genannt, so müssen diese beherrscht werden, ansonsten ergibt es für uns keinen Sinn. Sind es aber Risiken, wie beispielsweise die Kannibalisierung eines unserer Geschäftsbereiche, so scheuen wir solche Veränderungen nicht. Wenn nicht wir die Innovation treiben, nur um laufendes Geschäft zu schützen, dann wird es ein anderer tun.

Was würden Sie persönlich mittelständischen Unternehmern raten, die sich erstmals an das Thema Industrie 4.0 heranwagen?

Hierzu gerne ein paar Empfehlungen:

1) Keine Panik! Auch wenn der Mitbewerber schon Prospekte druckt, ist es kein Anlass in Aktionismus zu verfallen. Sehr gut überlegte Projekte, welche gut umgesetzt werden haben den längeren Atem.

2) Projekte sollten nicht ausgewählt werden anhand von technologischen Lösungen. Wichtig ist, welchen Effekt das Projektergebnis beim Benutzer (Kunden) erzielt. Es gibt heute für (fast) alles eine technische Lösung und damit ist das zweitrangig. Es sollten die Bedürfnisse des Benutzers genau verstanden werden und alles was zur Befriedigung dieser Bedürfnisse führt, ist schon ein heißer Kandidat für eine Innovation. Speziell die Probleme und Unzulänglichkeiten von bestehenden, etablierten Lösungen bieten eine gute Angriffsfläche. Hier empfiehlt es sich auch Impulse von außen in das Unternehmen zu holen.

3) Die Organisation muss den Freiraum erhalten – abseits und ungestört vom Tagesgeschäft – an der Projektumsetzung zu arbeiten.

4) Wenige Projekte starten, diese dafür in kurzer Zeit durchziehen und damit den Fokus halten. Der Versuchung widerstehen, möglichst viele Themen abdecken zu wollen.

5) Kontrolle der Projektzwischenergebnisse in kurzen Zyklen. Prototypisches Arbeiten erhöht die Treffsicherheit am Ende.

Diesen Artikel teilen...