Interview

Interview mit Dr. Maximilian Kissel, Geschäftsführer der Soley GmbH

Big Data und Smart Data sind zwei Begriffe, die in engem Zusammenhang mit Industrie 4.0 stehen. Was versteht man unter diesen Begriffen und wodurch grenzen sie sich voneinander ab?

Der Begriff „Big Data“ umfasst Konzepte, Methoden und Werkzeuge für die Aufzeichnung, Verwaltung und Analyse sehr großer Datenmengen. Denken Sie an Google oder Facebook, an Hochleistungs-Server und Festplattenfarmen oder an große Mengen von Echtzeit-Sensordaten. Der Begriff „Smart Data“ bezeichnet dagegen das Kombinieren von Daten und das daraus gewonnene Wissen – unabhängig von der Datenmenge. Smart Data kann Big-Data-Instrumente nutzen um einfache Zusammenhänge statistisch zu ermitteln (Machine Learning, Data-Mining…), für die meisten mittelständischen Unternehmen geht es allerdings um viel kleinere Datenmengen von lediglich einigen Gigabyte. Die eigentliche Herausforderung ist das sinnvolle Verknüpfen vorhandener Datensilos und die systematische Auswertung besonders komplexer Zusammenhänge. Wie sehen beispielsweise die Gleichteilbeziehungen zwischen unterschiedlichen Produktsegmenten aus? Für die Analyse dieser komplexen Daten gibt es sehr viel agilere, effizientere und effektivere Werkzeugkisten als „Big-Data“. Ein besonders interessanter Ansatz ist die „Digitalisierung von Expertenwissen“.

Können Sie an einem Beispiel erläutern, wieso Smart Data künftig für die Unternehmen immer wichtiger werden wird?

Die systematische Auswertung vorhandener Daten unterstützt die Fokussierung auf relevante Geschäftsbereiche, Produkte, Prozesse und Kunden. Im zunehmend internationalen Wettbewerb wird es immer wichtiger, die vorhandenen Unternehmensressourcen optimal einzusetzen. In Zusammenarbeit mit Soley hat die Festo AG & Co. KG Produkte hinsichtlich Ihrer Anforderungen an verwendete Kabel analysiert und so das tatsächlich notwendige Kabelportfolio identifiziert. Durch die Einbindung von Expertenwissen in die Software „Soley Studio“ wurde die benötigte Kabelvarianz um über 50% reduziert. Einerseits konnten dadurch die Analysen in wesentlich geringerer Zeit und mit reduziertem Ressourcenaufwand durchgeführt werden. Andererseits wurden Einkaufspotenziale sowie Logistikaufwände gebündelt. Kurz gesagt: Unternehmen, die zukünftig in der Lage sind, versteckte Schätze in Ihrem Produktportfolio systematisch zu heben, werden im Wettbewerb immer mehr Spielraum haben. Das macht Smart-Data so wichtig

Manche Unternehmer werden Ihnen zustimmen und zugleich nicht wissen, wie sie das Thema selbst konkret angehen sollen. Was raten Sie?

Gerade fertigende Unternehmen mit einer langen Wertschöpfungskette – von Produktentwicklung über Fertigung bis zum Vertrieb – müssen immer komplexere Zusammenhänge und Abhängigkeiten erkennen, bewerten und in ihre strategischen Entscheidungen einfließen lassen. Das Produktportfolio zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Wertschöpfungskette. Wer Wissen durch das Verknüpfen von Daten gewinnen will, der fängt am besten dort an, wo alle Fäden zusammenlaufen: beim Produktportfolio. Darüber hinaus ist unser Rat: Vertrauen Sie auf die Expertise Ihrer Mitarbeiter, und befähigen Sie diese Experten mit dem richtigen Werkzeug. So bleiben sie unabhängig. Wenn Sie eine konkrete Frage zu den Abhängigkeiten eines dedizierten Bauteils oder eines Produktes haben, gibt es sicherlich einen Experten in Ihrem Hause, der Ihnen genau diese Frage datengestützt beantworten kann. Aber eben nicht für alle Bauteile, Produkte und Abhängigkeiten gleichzeitig. Wenn Sie diesem Experten nun ein Werkzeug in die Hand geben, mit dem das bekannte Vorgehen auf das gesamte Produktportfolio „ausgerollt“ werden kann, befähigen Sie ihn, Sie öfter, schneller und umfassender datengestützt zu beraten.

Können sich mittelständische Unternehmen selbst mit Big Data auseinandersetzen, oder ist das Thema so komplex, dass es Hilfe durch Dienstleister braucht?

Big Data Projekte haben lange Laufzeiten und sind nur durch ausgebildete „Data-Scientists“ operationalisierbar. „Smart Data“ gelingt dagegen auch mit einer sehr agilen Vorgehensweise: Das Digitalisieren von Expertenwissen beispielsweise, führt in kleinen Schritten sehr schnell zu belastbaren Analyseerfolgen, denn Daten und inhaltliches Expertenwissen sind im Unternehmen ja bereits vorhanden. Mit geeigneter Software können auch komplexe Datenstrukturen komfortabel auf handelsüblichen PCs verarbeitet werden – einfache Tabellensoftware stößt dabei schnell an ihre Grenzen. Für Unternehmen, die vorerst kein eigenes Wissen digitalisieren wollen und trotzdem unmittelbare Erfolge in Ihrem Portfolio anstreben, haben wir unsere eigene Expertise in eine fertige Analyselösung integriert – den „Produktportfolio-Health-Check“. Diese Lösung nutzt typischer Weise vorhandene Daten wie Stücklisten, Verkaufszahlen und den Artikelstamm und analysiert darauf basierend die Marktperformance, die Baukastengüte und die Kostentreiber des Produktportfolios. Verbesserungspotenziale werden so unmittelbar sichtbar. Im Gegensatz zu einer Beratungsleistung ist dieses digitalisierte Expertenwissen jederzeit wiederholt nutzbar, lässt sich individuell anpassen und unternehmensweit skalieren. Smarte Digitalisierung bedeutet eben auch, das Expertenwissen im Unternehmen zu sichern und zu pflegen.

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